2019-07-26 11:16

Das Aarephantom, Teil 1: Liliane

In der Aare tauchen immer wieder Flaschen mit 1000 Franken drin auf. Ganz Bern rätselt: Wer ist das sogenannte Aarephantom? Der erste Teil des Aare-Krimis des Kulturteams.

Illustration: iStock/Bearbeitung: BZ

Liliane Gassner ertappt sich dabei, wie sie zum fünften Mal die Website der Zeitung öffnet. «Schon wieder anonymer Geldsegen im Rechen des Stauwehrs» ist noch immer der meistgelesene Artikel des Tages. Ihr Blick schweift zum offenen Fenster, die Luft ist kühl. Das Rauschen der Aare klingt für sie wie ein Privileg. Sich an kleinen Dingen zu erfreuen, ist ihre Triebfeder. Die grossen Dinge hat sie schon. Als Gassner-Erbin und Besitzerin mehrerer Immobilien, darunter das alte Fabrikgebäude, in dem sich ihr Büro befindet, hat sie noch nie Sorgen finanzieller Art gehabt. Wenn sie überhaupt welche hat, dann sind es kleine Sorgen. Die aber manchmal gross zu werden drohen. Etwa die Befürchtung, bald endgültig zum alten Eisen zu gehören, obwohl sie sich jung und dynamisch fühlt. Jeden Tag, bevor sie im Büro ihren Kram erledigt, und so viel ist das nicht, hat sie Zeit. Jeden Morgen wirft sie ihren noch fitten Körper in die Aare und schwimmt bis zum letzten Ausstieg vor dem Stauwehr, im Sommer wie im Winter. Deshalb kennt sie auch Bäschtu Balsiger schon lange, den Schleusenwärter des Engehalde-Stauwehrs unterhalb des Berner Lorrainebads. Sie winkt ihm zu, wenn sie morgens aus der Aare steigt, und er winkt zurück. Dank ihm hat sie, die Künstlerin und pensionierte Journalistin, einen Fall an die Öffentlichkeit gebracht, über den alle rätseln. Der das Sommerloch füllt und stopft. Dass die Zeitung nach einer Fortsetzung aus Lilianes Feder giert, gibt ihr ein gutes Gefühl. Noch braucht es sie, kann die Zeitung nicht ohne sie.

Heute früh hat sie von weitem beobachtet, wie Bäschtu eine weitere Flaschenpost aus der Aare gefischt hat. Sie ist aus dem Fluss gestiegen und zu ihm gegangen.
«Soo», sagte er, nickte zur Begrüssung und nahm das Bündel aus dem Kescher. Mehr Worte waren nicht nötig, die beiden kannten sich.

Der Schleusenwärter schnitt mit seinem Taschenmesser eine dicke Schicht aus Klebeband und Verpackungsmaterial durch, das der Absender ohne Namen zum Schutz um die Bügelflasche gewickelt hatte. «Willst du?», brummte der Mann und reichte ihr die Flasche.

Abgeschossenes Glas mit unkenntlichen Resten einer gelblichen Gravur. Natürlich wollte sie. Aufgeregt wie beim Öffnen eines Liebesbriefs löste Liliane den Bügel und zog die Papierrolle heraus. Mit einer Büroklammer war eine Tausendernote an den Brief geheftet: «An die Hundepension Luna.» Mehr stand da nicht.
«Ah, das ist jetzt aber einmal eine gute Sache!», sagte Bäschtu, «für die Hunde!»

Der Schleusenwärter konnte es fast besser mit Hunden als mit Menschen, das wusste Liliane. Nur konnte sie sich keinen Reim machen auf die Botschaften, die alle paar Tage flussabwärts in Bäschtus Netz trieben. Es war bereits die vierte Spende, immer in der Höhe von 1000 Franken, immer an einen anderen Verein, immer anonym. Letztes Mal war der Quartierladen in der Matte der Beschenkte, davor die Berner Zweigstelle der Anonymen Alkoholiker und die Nachwuchsstiftung des Ex-Tennisprofis Miguel Pelota.

«Na, dann versuche ich mal herauszufinden, wo ich diese Hundepension finde», sagte Bäschtu, seine Augen waren müde. Bereits zweimal war er mit Bild in der Zeitung erschienen, als er die anonymen Spenden am Bestimmungsort abgab, nach dem letzten Bericht kam ihn gar das Lokalfernsehen besuchen.
«Darf ich dich wieder hinfahren?», fragte Liliane.
Bäschtu winkte ab. «Diesmal lieber nicht. Dieser ganze Rummel ist nichts für mich.»

Egal, Liliane hatte ihre Geschichte. «Weitere Spender-Flasche aufgetaucht», schrieb sie wenig später in einem SMS an den Chefredaktor. Dann las sie am Computer die Kommentare unter ihrem letzten Artikel. Leserinnen und Leser spekulierten wild über die Motive des Spenders: Steckt Mäzen Hansjörg Wyss hinter dem Aarephantom? Eine stinkreiche Pensionärin, die plötzlich ihre soziale Ader entdeckt? Oder verteilt ein Bankräuber sein Geld? Bäschtu, der Überbringer der Spende, kam in den Kommentaren gut weg: «Eine solche Ehrlichkeit und Bescheidenheit gibt es heute fast nicht mehr. Danke, Herr Balsiger!», so der meistgelikte Kommentar einer Alice Müller.

Lilianes Mobiltelefon piepste. «Super! Kannst du heute noch einen grossen Artikel liefern?», stand in der SMS-Antwort des Chefs.

«Klar», antwortete sie und öffnete ein leeres Dokument. Zuerst setzte sie den Titel. «Das Aarephantom mag Hunde». Sie schrieb ein paar Sätze zum neuesten Fund. Und dann merkte sie, dass sie ausgeschossen war. Sie wusste nichts. Suchte da jemand Aufmerksamkeit? Aber weshalb denn anonym? Sie erkannte kein Muster bei den Spenden, es schien, als würde da jemand zufällig mit Geld um sich werfen. Sie googelte «Hundepension Luna» und fand ein Hundeheim in Habkern. Sie wählte die Telefonnummer.

Der Mann, der sich meldete, tat dies mit lauter Stimme, wahrscheinlich lag es am Hundegebell im Hintergrund. «Ja, Herr Balsiger hat sich eben bei mir gemeldet. Er hat einen Tausender für uns, den bringt er gleich vorbei. Wir nehmen natürlich gerne Spenden, doch, doch, das dürfen sie gerne in die Zeitung schreiben.» Der Mann hatte auch keinen Schimmer, weshalb er jetzt Teil dieser Geschichte wurde.

Liliane blickt wieder nach draussen, es wird langsam heiss, sie beschliesst, das Fenster zu schliessen. Ihr Blick fällt auf das alte Fabriktor unten in der Einfahrt. Mittendrin ist das Logo der Brauerei Gassner eingelassen, der Firma ihres Vaters. Ein goldener König mit einem Bierglas in der Hand. Ihr stockt der Atem.

Hier geht es zum zweiten Teil: Bäschtu


In der neusten Episode des BZ-Podcasts verraten die Kulturredaktorinnen Marina Bolzli und Mirjam Comtesse, wie der Krimi zur Aareserie entstanden ist: